In der Welt zuhause, in Frankfurt daheim.

Ein Porträt über Abdulgazi Karaman

Petri+Lehr event, Island experience, Adbulgazi Karaman
Foto: Sybs Bauer
Abdulgazi Karaman
Foto: Sybs Bauer
 

„Dem Tier in dir Raum schaffen, den Jagdtrieb aufspüren, die Fährte aufnehmen. Immer ein bischen hungrig sein. Und immer mit dem Ziel vor Augen: am Ende der Saison muss ein Ergebnis da stehen. Das ist der Job.“

Abdulgazi Karaman, kurz Gazi, lebte sieben Jahre seinen Traum: Baskeball spielen. Sieben Jahre reiste er um die Welt, an seiner Seite seine Lebensgefährtin und seine beiden Kinder. Sein Arbeitgeber, die Dresdner Bank (ab 2009 Commerzbank), förderte seine sportliche Aktivität.

Die allerschönste Zeit, schwärmte er, waren die acht Monate in Mailand. Jeden Tag war er mit seiner Familie zusammen. Den Tag gemeinsam mit den Kindern anfangen, dann Training, wieder Kinder, dann abends Training. Es war super schön! Manchmal konnte er sein Glück gar nicht fassen. Luxus pur. Er stand immer unter Vertrag und hatte die Unterstützung von tollen Sponsoren. Petri+Lehr war einer davon. Seit seinem ersten Auto fährt er mit Petri+Lehr Produkten. Etwas anderes? Auf den Gedanken kommt er gar nicht.

Wenn er in seiner Heimatstadt, im Raum Frankfurt, auf das Basketballfeld rollte, platzte die Sporthalle aus allen Nähten – über 1000 Zuschauer kamen. "Ich war der Lokalmatador" lacht Gazi verschmitzt. Stolz ist er. Und das zu Recht. Er war der Erste, der von seinem Sport als Rollstuhl-Basketballer leben konnte. Ein Multi-Kulti-Nationalspieler. 253 Einsätze für die deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft, hier sammelte er Medaillen mit einer Mannschaft, die so gut wie nicht zu schlagen war: Deutsche Pokalsiege, Championsleague und als Höhepunkt die Paralympischen Spiele 1992 in Barcelona. Aber Deutschland reichte ihm nicht, er spielte weiter, in Salzburg, Rom, Australien und in dem Heimatland seiner Eltern. Hier wurde Gazi mit dem Verein Galatasaray Istanbul 2008 Türkischer Meister und Pokalsieger. Wobei, gebürtig ist Abdulgazi Karaman ebenfalls aus der Türkei, aus Corlu 90 Kilometer westlich von Istanbul. Hier bezwang ihn als Kleinkind die Krankheit die es nicht mehr gibt: Kinderlähmung. Mit vier Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland - im Rollstuhl.

Mit 14 stellte er den Antrag auf Einbürgerung. Sein Vater schrie „Du wirst nie Deutscher sein“ und verweigerte seine Unterschrift. Gazi’s Antwort: „Ich bin hier aufgewachsen, hier bin ich Teil der Gesellschaft.“ Es half nichts. Kaum 18 unterzeichnete er selbst den Antrag. Sein Vater brauchte einfach etwas länger. Die Jahrtausendwende änderte auch seine Einstellung. Heute sind seine Eltern auch Deutsche, obwohl die Türkei immer noch ihre Heimat ist.

Wenn es um Minderheiten geht, kann Gazi mitreden. Ganz besonders bei den derzeitig beliebten Themen Migrationshintergrund und Barrierefreiheit. Abdulgazi Karaman bildet noch eine ganz eigene Minderheitengruppe: die des „Profi-Rolli-Sportler mit Immigrationshinderung“. Oder so ähnlich. Was ist er denn nun? Er lacht, er ist Gazi, einfach Gazi, er ist er. Aber ja, das ist für viele Jugendliche das Thema: die eigenen Identität finden, zu fühlen wohin man gehört. Das ist nicht einfach.

Sprung. Er erzählt von seinen Eindrücken in der Türkei. Hier robben sich hochgradig Gelähmte auf Autoreifen über die Straße, niemanden interessiert das. Und er sitzt in seinem blankpolierten Rollstuhl. „Wir haben hier ein sehr hohes Niveau in Deutschland. Jeder muss seinen Beitrag leisten, auch Behinderte. Behindert zu sein, heißt nicht, nicht am Arbeitsleben teilzunehmen. Das gleiche gilt auch für Migrationshintergrund. Das gilt für jeden. Leiste deinen Beitrag.“

Rollstuhl und Migrationshintergrund, zwei Aspekte, die nur von anderen problematisiert werden. Für Gazi selbst völlig irrelevant. Er lässt sich nicht aufhalten und gestaltet sein Leben nach seinem Wunsch. Die klaren Antworten bezeugen jedoch, dass es irgendwann einen Prozess gegeben haben muss, bevor die Themen für ihn keine Themen mehr waren. Überlegt und reduziert sind seine Worte, voller Weisheit gespickt mit Anekdoten und Humor. Er hat viel zu geben.

Und er gibt viel. Mit Jugendlichen in Zwickau, deren Trikot er viele Jahre trug, trainiert er. Lachend meint er, dass zuerst die Eltern umgeschult werden müssten, denn im Training falle man schon mal aus dem Stuhl. Das zu sehen ist für Eltern schwer auszuhalten. Er hatte sich in seinen Anfängen alles ohne fremde Hilfe aneignen müssen, Förderungen gab es zu seiner Zeit noch nicht. Sicherlich ein Grund für seinen Führungsstil: Leading by doing. Umso wichtiger für ihn, seine Erfahrungen, den „Hunger“ an die Jugendlichen weiterzureichen. Er weckt in ihnen die Liebe zum Sport, die Liebe zum Leben aber viel wichtiger die Liebe zu sich selbst.

Was er gerade macht? Gerade kommt er vom Hunde-Gassi-Gehen. Immer mal wieder ist Schäferhündin „Honda“ bei ihm. Sie spielen, toben und Honda versüßt ihm das Leben. Er ist viel zuhause. Eine schwere Schulterverletzung zwingt ihn inne zu halten.

Viel Zeit hat er im Moment. Zeit dem Leben Fragen zu stellen. Zeit zum Nachdenken. Zeit für neue Träume. Letzten Sommer kündigte er sein langjähriges Arbeitsverhältnis bei der Commerzbank und ebnet sich den Weg für seinen neuen Traum. Wohin die Reise geht? Das verrät er nicht.

Das ist gut so, so kann sich der Traum in aller Stille entfalten.