Die etwas andere
Deutsche Fahrzeugbau-Geschichte

Petri+Lehr 1902 Gebäude in Offenbach
 

1902

Fahrzeuge ja. Aber ganz andere. So oder so ähnlich mussten 1902 die Pioniere Adam Wilhelm Lehr und Wilhelm Petri gedacht haben. Ein Alleinstellungsmerkmal für die neue Fabrik fanden die Gründer schnell: „Krankenfahrzeuge für Selbstfahrer“ sollten es sein. Von einfachen Schiebestühlen auf Rädern bis hin zu speziellen motorisierten Kraftfahrzeugen, alles für eine verbesserte und selbstbestimmte Mobilität für Menschen mit körperlichen Einschränkungen.

Die Anforderungen waren damals gleich den heutigen: jeder Mensch ist anders. Immer waren und sind noch heute, individuelle Lösungen gefragt, um den Betroffenen mobile Freiheit, Selbstbestimmung und ein Stück die eigene Wertigkeit zurück zu geben. Das Resultat: viele Patente und einzigartige Fahrzeuge mit funktionalen Extras.

Eine spannende Historie, mit einer beeindruckenden Kontinuität. Unverändert vereint Petri+Lehr verschiedene Fachbereiche, wie Schlosserei, Polsterei und Engineering, unverändert steht bei Petri+Lehr die selbstbestimmte Mobilität für Menschen mit körperlicher Einschränkung im Fokus - seit 113 Jahren.

Immer noch ist Thema, Motivation und Ziel: In jedem Fall mobil.

Petri+Lehr Patent, Type VH 20 R, Fahrzeugbaugeschichte, Historie
 

1909

Zurück zu den Anfängen. Schon nach 7 Jahren Partnerschaft musste 1909 Adam Wilhelm Lehr nach dem plötzlichen Tod von Wilhelm Petri die alleinige Leitung übernehmen. Den Erfolg hinderte das jedoch nicht. Bei der ersten Ausstellung in Gießen, unter dem faszinierenden Namen„Gewerbe-Ausstellung Gießen 1914 für Oberhessen und die angrenzenden Gebiete unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ernst Ludwig“ wurde Petri+Lehr die goldene Ausstellungsmedaille und ein Ehrenpreis verliehen.

1917

Ein schnelles Wachstum bedingte 1917 einen Standortwechsel. Der zweite folgte gleich drei Jahre später 1920. In Offenbach wurde das alte Kesselhaus abgerissen, die Steine zur Einfriedung des Werksgeländes genutzt. Das Erdgeschoss beheimatete die verschiedenen Werkstätten, Montage und Ausstellungsräume. Im 1. Stock lagen die Büroräume. Hier wurde gedacht und konstruiert.

 

1940

Im Krieg zerstörte 1940 ein Bombenangriff das Gebäude der ältesten und größten „Spezialfabrik für kraftbetriebene Invalidenfahrzeuge“ vollständig. Ausweichmöglichkeiten fand man in den Produktionsstätten in Seligenstadt und Hainstadt und schon drei Wochen später lief die Produktion für Selbstfahrer-, Motor- und Hebelfahrzeuge und Schieberollstühle weiter.

Petri+Lehr Patent, erster zusammen faltbarer Rollstuhl,Faltfahrer 700, 1952
 

1952

Parallel zum Oktoberfest 1952 stellte Petri+Lehr in München eine der wichtigsten Erneuerungen vor: Das von dem Berliner Gerd Schladebach, der an den Folgen einer spinalen Kinderlähmung litt, konstruierte „zusammengeklappte Versehrten-Fahrzeug-Wesen“. Petri+Lehr erhielt damit das weltweite Patent für den ersten zusammenklappbaren Rollstuhl. „Man konstruiert, erprobt - und hilft bei der Firma Petri+Lehr.“ schrieb die Offenbach-Post (25.09.1952, Ausgabe 222)

Petri+Lehr florierte. In den Werkstätten entstanden individuelle Anpassungen und erste Prototypen. Mit einem großen Maschinenpark wurde produziert. Gefolgt vom Montagebereich und der Ausstellungshalle für die zahlreichen unterschiedlichen Modelle. Motorisiert oder nicht, auf drei Rädern oder vier, mit oder ohne Dach. Die Angebotspalette reichte vom Krankenfahrstuhl zum voll motorisierten Kleinfahrzeug sowie unterschiedlichster Krankentransporte, darunter auch Lifte für Krankenhäuser oder ähnliches. Heute sind einige der faszinierenden Krankenfahrzeuge in Museen zu bewundern (u.a. „Erfinderzeiten“ in Schramberg; „Vehikelsammlung Bert Grimmer“ in Eppelheim).

Petri+Lehr GH Patent 1960
 

1964

Argwöhnisch äugten spätere Hersteller auf die erfolgreiche Marke Petri+Lehr. Ganz besonders der Unternehmer Wilhelm Meyer, seit 1936 ebenfalls Produzent von Rollstühlen, der kurzerhand 1964 Petri+Lehr kaufte. Nach außen blieb die Marke jedoch eigenständig.

Die Zunahme der Automobile als Massenware veränderte das Anforderungsprofil. Zu der Produktion von Fahrhilfen, Umrüstsystemen und Einstiegshilfen für Autofahrer*innen mit körperlichem Handicap kam der Vertrieb für Ersatzteile und Zubehör für Rollstühle als Zulieferer für Sanitätshäuser. Ergänzende Fremdprodukte erweiterten die Produktpalette.

Parallel zur hauseigenen Produktion entwickelte sich Petri+Lehr mehr und mehr zum Umrüstbetrieb verschiedenster Fahrzeugtypen mit individuellen Einbauten.

1998

Früh knüpfte Petri+Lehr enge Kontakte zur Automobilindustrie und als diese sich auf ein nachvollziehbares, prozessorientiertes und kundenbezogenes Arbeiten mit ständiger Risikokontrolle einigte, schloss sich Petri+Lehr wenige Jahre später den neuen deutschen Zertifizierungen an. Seit 1996 arbeitet Petri+Lehr mit dem jährlich auditierten Qualitätsmanagementsystem, der DIN ISO 9001 Zertifizierung und dem KBA-Zusatzzertifikat.

1998 präsentierte Petri+Lehr auf der IAA in Frankfurt und der RehaCare in Düsseldorf gleich zwei wichtige Meilensteine, die „IR-Fernbedienung“ und das „Multima® Brems-/ Gasgerät“. Fundiertes Wissen, der direkte Kontakt zu den Kunden und die Lust am Tüfteln führten immer wieder zu innovativen Produkten: Der „Multifunktions-Drehknopf“ (MDF1) als Weiterentwicklung der IR-Fernbedienung und dem „Multima®2“.

Petri+Lehr Island Expierence 2011
 

2006 - 2013

2006 zog Petri+Lehr in den heutigen Standort in Dietzenbach. 2007 wurde das Multima®2 evolutioniert und ganz neu ein universelles Fußgas links-System entwickelt. Schon ein Jahr später, 2008, präsentierte Petri+Lehr den Multifunktions-Drehknopf2 (MFD2), gefolgt von dem neuen Dreh-Drück-Handbediengerät Multima® 3 im Jahr 2010.

Innovative Produkte sind das eine. Einzigartige Events das andere. Zuerst eine Idee, dann unvergesslich. Jörg Federer, der heutige Prokurist, konzipierte und leitete die „Island Experience 2011“, das weltweit erste Offroad-Event für Menschen mit Handicap. Sieben Teilnehmer*innen mit körperlicher Behinderung in Begleitung von Petri+Lehr Mitarbeiter*innen und des Kooperationspartners VW, erkundeten Island im VW-Touareg. 500 km über Stock und Stein. „Das bisher als unmöglich Erscheinende ist auf einmal möglich“ so Teilnehmer Klaus Droste. Dokumentiert von Daniel Damrau, Petri+Lehr, ist der Film ‚Island Event 2011‘ auf vielen Messen und Events präsent und Teil der Verkaufsschulungen bei Volkswagen.

2013 ist wieder ein Jahr des Wandels. Der Unternehmer Wilhelm Meyer mit der Unternehmensgruppe Meyra meldet Insolvenz an. Die eigenständige Firma Petri+Lehr profitiert von langjährigen Partnerschaften und findet unter der Leitung von Jörg Federer schnell bei dem langjährigen Partner Starz eine neue Heimat. Und so wird zum 01.12.2013 Petri+Lehr in der Kehrel AG aufgenommen und agiert als eigenständige GmbH in der Firmengruppe. Eine perfekte Kombination, denn neben der Starz GmbH Elektrotechnik-Electronic, dem langjährigen Lieferant und Technikpartner von Petri+Lehr für die Entwicklung und Produktion von Bordelektriken sowie von kundenspezifischen Hard- und Softwarelösungen, gehört auch der langjährige Petri+Lehr Partner Weinbrenner für exklusive Lederanpassungen und Polsterungen in das Firmenimperium. So kommt zusammen was zusammenpasst.

Die Kehrel AG wurde 1999 von dem 51-jährigen promovierten Ingenieur Dr.-Ing. Andreas Kehrel in Großräschen gegründet.

2014 - heute

Petri+Lehr knüpft an die eigene innovative Tradition an und brachte im Frühjahr 2014 den einzigartigen „Multifunktionsdrehknopf TOUCH“ (MFD TOUCH) auf den Markt: Erstmalige Kommunikation über Funk mit dem „Petri+Lehr AIS“ (Automotive Installation System), das erste und derzeit einzige von Automobilherstellern freigegebene Canbus-Nachrüstsystem, welches sich unsichtbar in die Bordelektronik des Fahrzeugs integriert. Das Design, von Sybs Bauer, mit großen Tasten bei perfekter Ergonomie setzt Zeichen: Kaum vom Band ist der MFD TOUCH im Lieferprogramm von Mercedes Benz zu finden und gewinnt 2015 den Designpreis Focus Open. „Einfach schön“, freut sich auch Sängerin Anna Maria Zimmermann.

Ende 2015 folgt mit dem Multima®PRO die nächste Produktneuheit. Einzigartig schmal läßt das neue patentierte Zieh-Drück-Handbediengerät erstmalig die optimale Sitzverstellung nach vorne zu. Das reduzierte Design, ebenfalls von Sybs Bauer, ist auch umgehend bei Mercedes Benz im Lieferprogramm.

Einige Monate später präsentiert Petri+Lehr zur REHACARE 2016 das Depandant, das Dreh-Drück Handbediengerät Multima®EVO. Mit welchem der beiden Handbediengerät Gas gegeben wird, ist eine rein persönliche Vorliebe.

Petri+Lehr blickt stolz auf eine kontinuierliche 114-jährige Geschichte, immer noch mit dem Zentrum in Frankfurt/Dietzenbach (Rhein-Main-Gebiet), immer noch voller Ideen für innovative Produkte für die Mobilität für Menschen mit Behinderung, immer noch im Dienst individueller Umrüstungen und immer noch mit intensiven Partnerschaften.
Ausgesuchte Partnerwerkstätten in Deutschland, Österreich und der Schweiz und fast alle deutschen Automobilhersteller werden mit Petri+Lehr Produkten beliefert und selbst bezieht man von hochwertigen Lieferanten zusätzliche passende Produkte. Aber zu allererst ist Petri+Lehr seit der Gründung immer Partner für die Menschen, die aktiv und selbstbestimmt wieder ihre Automobilität leben und genießen.

Seit 1902 für die aktive Mobilität von Menschen mit körperlicher Einschränkung.
Seit 1902 ungebrochener Pioniergeist.
Seit 1902 heißt es: In jedem Fall mobil.